Als erster kam nach Kreisau Ministerpräsident Mazowiecki, der nach Breslau mit der Bahn angereist war und den weiteren Teil des Weges mit dem Auto zurückgelegt hatte. Auf dem Platz in Kreisau erschien er eine halbe Stunde vor dem Bundeskanzler, der mit der ihn begleitenden Delegation und Journalisten nachts aus Warschau aufgebrochen war. Bevor sich der Bundeskanzler und der Ministerpräsident zum Platz aufmachten, begaben sie sich in die an die Mauern des Gutes angrenzende Sankt-Michael-Kirche, wo sie sich in Stille dem Gebet widmen und eine zu diesem Anlass vorbereitete Ausstellung über die Geschichte des Dorfes Kreisau und dessen berühmteste Bewohner anschauen konnten. Nachdem die beiden Regierungsvertreter sich ins Kirchenbuch eingetragen hatten, machten sie sich auf den Weg zu dem zentral gelegenen Platz, wo sie mit Ovationen von den dort versammelten Gläubigen empfangen wurden. Die Menge skandierte „Helmut!, Helmut!”. Es wurde auch Ministerpräsident Mazowiecki zugejubelt. Über der Menschenmenge wehten polnische und deutsche Fahnen sowie zahlreiche Spruchbänder in polnischer und deutscher Sprache. Vor dem Altar wurden die Gäste nach altem, polnischem Brauch mit Brot und Salz begrüßt. Grußworte an die Versammelten richtete Pfarrer Bolesław Kałuża. Nachdem alle ihre Plätze auf dem Altarpodium eingenommen hatten, warteten sie auf den Beginn des Gottesdienstes. In Richtung des Altars setzte sich ein Zug polnischer und deutscher Geistlicher in Bewegung. Die Messe wurde unter dem Vorsitz Bischof Alfons Nossols gefeiert. Auf der polnischen Seite wurde sie von Pfarrer Bolesław Kałuża und Weihbischof Tadeusz Rybak, der die Breslauer Diözese vertrat, auf der deutschen Seite – von Prälat Paul Bocklett und Adalbert Kurzeja (Abt der Benediktinerabtei Maria Lach) konzelebriert.

Die Messe wurde vereinbarungsgemäß in polnischer und deutscher Sprache gehalten. Die auf dem Platz versammelten Gläubigen hatten kleine Broschüren mit Gebeten und Gesängen in beiden Sprachen erhalten. Dadurch konnten sie an der Liturgie der Heiligen Messen aktiv teilnehmen.

Tagesgebet

Allmächtiger Gott, alle Völker haben eine gemeinsame Abstammung und bilden eine Familie. Durchdringe die Herzen aller Menschen mit Deiner Liebe und gib, dass sie nach Entfaltung ihrer Brüder verlangen. Mögen die Güter, die Du der ganzen Menschheit großzügig schenkst, der Entfaltung eines jeden Menschen dienen. Mögen in der menschlichen Gemeinschaft sämtliche Spaltungen vorübergehen und Gleichheit und Gerechtigkeit Einzug halten. Durch unseren Herrn Jesus Christus.

Grußworte richtete an die Versammelten Pfarrer Bolesław Kałuża.

Die einführende Ansprache hielt wiederum Bischof Tadeusz Rybak. Dabei betonte er, wie wichtig für Christen das gemeinsame Gebet und die Überwindung der Zerrissenheit zwischen Mensch und Gott, zugleich aber auch die Zerrissenheit zwischen Menschen und Völkern seien, insofern als sie die Gabe der Aussöhnung und des Friedens brächten.

Ich heiße den Ministerpräsidenten, Herrn Tadeusz Mazowiecki, recht herzlich willkommen, den wir ‚unser Premier‘ zu nennen pflegen, weil er das Vertrauen der polnischen Bevölkerung genießt und das Land zu den Werten hinführt, für die unser Volk lange Jahre gekämpft hat und aus denen heraus es zu leben wünscht. Ich begrüße alle anwesenden Mitglieder der polnischen Regierung und die den Premier begleitenden Personen.”

Es ist uns eine besondere Freude, heute in der hier versammelten christlichen Gemeinschaft mit großem Respekt Herrn Bundeskanzler Helmut Kohl und alle Vertreter des Deutschen Volkes begrüßen zu dürfen, die hier zusammen mit Herrn Bundeskanzler aus der Bundesrepublik Deutschland angereist sind und die dauerhaft in Polen leben.”

Von ganzem Herzen heiße ich Euch willkommen und grüße Euch, liebe Landsleute, und danke Euch, dass Ihr so zahlreich erschienen seid, um unsere polnische Solidarität im Glauben und in der Hoffnung zum Ausdruck zu bringen, die nicht täuschen kann.”


Die am 12.11.1989 in Kreisau gehaltene Predigt

Gemeinsam voranschreiten – versöhnt in Wahrheit und Liebe” – Bischof Alfons Nossol

In einer eigens zu diesem Anlass vorbereiteten Predigt betonte Bischof Nossol, wie wichtig für beide Völker Aussöhnung sei. Er räumte ein, dass die Gabe der gegenseitigen Vergebung ein Akt des Heroismus sein könne, dem es sich gleichwohl nach dem Geiste Christi zu stellen gilt, um ein neues Kapitel in den gegenseitigen Beziehungen aufschlagen zu können. Er wies darauf hin, dass man nicht verlangen könne, den Zweiten Weltkrieg – als ein schreckliches Kapitel im Leben vieler Menschen – zu vergessen. Vergebung sei aber ein unabdingbares Gebot des Glaubens und der christlichen Existenz. Deshalb gelte es aufrichtig zu rufen: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern”. Der Erzbischof erinnerte damit an die Botschaft der polnischen Bischöfe, die sich 1965 an die deutschen Bischöfe gewandt und dabei „wir vergeben und bitten um Vergebung” gesagt hatten. Dabei unterstrich er, dass sich der christliche Glaube auf Vergebung stütze.

Viel Platz räumte der Erzbischof auch Helmut James von Moltke ein. Als tiefgläubiger Christ habe sich dieser zu bestimmten Ideen bekannt. Unter ihrem Einfluss habe er danach gestrebt, den Menschen die Möglichkeit zu bieten, in einem Staat zu leben, der in die ethischen – auf christlichen Werten fußenden – Fundamente fest eingebettet sei. Hierbei führte er eine Erklärung des Kreisauer Kreises an, in der es hieß: „Im Christentum sehen wir die wertvollsten Kräfte für die religiös-sittliche Erneuerung des Volkes, für die Überwindung des Hasses und der Lüge, für den Neubau des Abendlandes und das friedliche Zusammenarbeiten der Völker”. Die Mitglieder des Kreisauer Kreises hätten den Mut aufgebracht, selbst ihr Leben in die Waagschale zu werfen, wobei sie „einen Kampf” gegen den Feind fundamentaler Prinzipien des Einzelnen geführt hätten. 

Bischof Alfons Nossol: „Liebe Mitchristen. Wir alle wissen sehr wohl, wie politisch schwierig dieser Besuch ist, obgleich er doch Nachbarn mitten im Herzen Europas betrifft. Das Bewusstsein, dass auf uns die Geschichte lastet, lässt sich [aber] kaum einfach so beseitigen.“

Der nächste Programmpunkt war das gemeinsam von Vertretern der Evangelischen Kirche und der Katholischen Kirche gesprochene Allgemeine Gebet, das mit folgenden Worten begann: 

Belebt vom Wunsche des gegenseitigen Verständnisses und der Eintracht bitten wir Gott, den Vater aller Menschen und Völker, um die Gabe der Aussöhnung, des Friedens und der Zusammenarbeit zwischen den mit uns benachbarten Völkern”. Bischof Heine-Georg Binder wandte sich an alle versammelten Protestanten und Christen orthodoxer Konfession mit einem herzlichen Gruß und erinnerte an die Ostdenkschrift der EKD von 1965. Im Folgenden dessen Auszüge:

Die ethischen Erwägungen führen zu der notwendigen Konsequenz, in kla­rer Erkenntnis der gegenseitigen Schuld und ohne Sanktionierung von Un­recht, das nicht sanktioniert werden darf, das Verhältnis der Völker,

namentlich das zwischen dem deutschen und dem polnischen Volk, neu zu

ordnen und dabei Begriff und Sache der Versöhnung auch in das politische

Handeln als einen unentbehrlichen Faktor einzuführen“.

Prälat Paul Bocklet erinnerte auch an den Briefwechsel von 1965 zwischen Geistlichen aus Polen und Deutschland. Es war seiner Meinung nach ein Beispiel für den Glauben an den Beginn des Dialogs und der Aussöhnung. Er wandte sich auch an die Gläubigen mit der Bitte an Gott, Kraft und Mut zur Aussöhnung zu schenken. Er erinnerte an die Millionen von Opfern des Nationalsozialismus, die im Ergebnis einer von Menschenverachtung und Menschenhass erfüllten Politik ums Leben gekommen sind. Dabei erwähnte er auch diejenigen, die infolge von Besatzung, Flucht und Vertreibung umgekommen sind. 

Herr, mögen deren Opfer uns dazu ermahnen, zwischen unseren Völkern nie wieder Feindschaft aufkommen zu lassen. Allein Du kannst unermessliche Schuld vergeben. Führe uns auf den Weg der Aussöhnung”. In Kreisau, an dem Ort, an dem der Widerstand gegen den Nationalsozialismus gewirkt habe, sei insbesondere eben derjenigen zu gedenken, die Opfer von Verfolgungen geworden seien, weil sie es gewagt hätten, sich einem verbrecherischen Regime entgegenzustellen. Stellvertretend für das katholische Christentum wurden an dieser Stelle Pater Alfred Delp und Maksymilian Kolbe, für das evangelische Christentum hingegen Juliusz Bursche, Bischof der evangelisch-lutherischen Kirche in Polen, sowie Helmuth James von Moltke genannt.

Herr, möge Dein Licht ihnen leuchten, uns gib wiederum die Kraft, ihrem Beispiel zu folgen”. 

Ein Gebet wurde auch für diejenigen gesprochen, die noch in dieser Welt leben und die gegenüber ihren Nächsten unmittelbar schuldig geworden sind: 

Führe Sie, o Herr, zur Erkenntnis ihrer Schuld. Verleihe ihnen die Kraft, ihre Verfehlungen anzuerkennen. Gib, dass sie bereit werden, um Vergebung zu bitten, und für deren Annahme offen sind”. 

Lasset uns für das polnische und deutsche Volk beten: Gib uns, o Herr, die Kraft, aus dem Schatten der Vergangenheit zu treten, und lass uns, gegenseitiges Verständnis finden. Gib, dass sich neue Horizonte der Hoffnung – durch polnisch-deutschen Jugendaustausch – abzeichnen”. 

Es wurden Gebete für Völker Europas, für das Ende der Spaltung zwischen Ost und West, für die Überwindung von Differenzen und für das Streben nach Einheit unter Berücksichtigung von kulturellen Unterschieden einzelner Völker angestimmt. Diese sollten demnach das Recht zum Leben haben und frei von Katastrohen und Kriegen sein. Sie sollten auch die Kraft aufbringen, gegenseitige Vorurteile und Differenzen zu überwinden, die Gabe haben, „Hunger, Armut und Elend von Flüchtigen” zu lindern, und die Bereitschaft aufweisen, Hilfe zu bringen. 

Das Allgemeine Gebet wurde von Vertretern der Katholischen Kirche in Polen gesprochen. Es war im Wesentlichen an die Bitte um die Gabe der Aussöhnung und des Friedens angelehnt. Nach dem Eucharistischen Gebet „Um die Versöhnung“ gab man einander ein Zeichen des Friedens. Kanzler Kohl und Premier Mazowiecki hielten anschließend Ansprachen zum Thema Aussöhnung zwischen den Völkern. „Liebe Freunde aus Polen, liebe Freunde aus Deutschland! Liebe Freunde, Herr Bundeskanzler, verehrte Bischöfe!“ Kanzler Kohl hob die Bedeutung des historischen Ortes hervor, an dem die Messe stattfand, und bezeichnete ihn als „Herz Europas”. Er wies auch auf die in der Predigt gesprochenen Worte hin, in denen von der Notwendigkeit die Rede war, Lehren aus der Geschichte zu ziehen und den Weg zu einem friedlichen Miteinander beider Völker vorzugeben. Premier Tadeusz Mazowiecki machte wiederum auf die Notwendigkeit der Brüderlichkeit aufmerksam, wobei er auch die Verdienste des Kreisauer Kreises auf diesem Gebiet betonte und die Hoffnung zum Ausdruck brachte, die soeben stattgefundene Heilige Messe werde helfen, jene Brüderlichkeit zu stärken, und die Kraft verleihen, sie unter den Völkern zu verbreiten. Nach dem Gottesdienst besprachen die beiden Regierungschefs auch politische und wirtschaftliche Themen. Premier Mazowiecki merkte dabei an, dass für Polen die Auszahlung einer Entschädigung für ehemalige Zwangsarbeiter wichtig wäre. Zugleich zeigte er Verständnis dafür, dass der Kanzlerbesuch wegen der Ereignisse in Berlin unterbrochen werden musste.

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