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Stellungnahme der Stiftung „Kreisau” zu Thesen von Dr. Ryszard Żółtaniecki über Kreisau, den Kreisauer Kreis sowie Symbole der deutsch-polnischen Aussöhnung, die in einem Interview für die PAP vom 06.09.2017 geäußert wurden PDF Drucken E-Mail

Am 6. August 2017 erschien, u. a. auf dem Internetportal dzieje.pl, ein Interview mit Dr. Ryszard Żółtaniecki, das von einem Journalisten der Polnischen Nachrichtenagentur PAP durchgeführt wurde. Im Gespräch unter dem Titel „Dr. R. Żółtaniecki: Bei den Reparationen geht es nicht nur ums Geld, sondern um die Zukunft der Beziehungen zu Deutschland“, wurde auf den deutsch-polnischen Aussöhnungsprozess sowie auf Kreisau als einen Ort, an dem diesem Prozess ein symbolträchtiger Akzent verliehen worden war, Bezug genommen. Da wir der Ansicht sind, dass diese Fragen in einer Art und Weise dargestellt wurden, die von Fakten abweichen, möchten wir sowohl die Ereignisse, von denen Dr. Żółtaniecki spricht, als solche, als auch ihre Entstehungsgeschichte, in Erinnerung rufen.

Dr. R. Żółtaniecki: (…) es geht hier um den Anfang der 90. Jahre. Wir haben damals, [ganz am Anfang], einen Riesenfehler gemacht. Man brauchte Versöhnungssymbole. Unsererseits gab es mit diesen Symbolen keine Probleme – Brief der Bischöfe, Warschauer Aufstand. Ein Problem gab es hingegen auf der deutschen Seite. Und so hat man sich Kreisau ausgedacht (8 km von Świdnica/Schweidnitz entfernt), ein Treffen im Zentrum deutscher Juli-Verschwörer, sprich zweier preußischer Aristokraten, die gar nicht in Liebe zu Polen entbrannt waren. Ein seltsames Symbol für die Aussöhnung, denn unser Schicksal wäre womöglich unvergleichlich schlimmer gewesen, wenn Hitler in der Wolfsschanze getötet worden wäre. Den Verschwörern ging es ja nicht um ein demokratisches Deutschland, sondern darum, den Krieg im Osten fortzuführen. Hitler wurde dabei nicht als Verbrecher betrachtet, den es zu beseitigen gilt, sondern als ein unfähiger Anführer, ein Paranoiker, der Deutschland in die Niederlage führt. Und sie wollten Deutschland zu einem Sieg führen. Oberst Claus von Stauffenberg hegte im Übrigen eine Riesenabneigung, geradezu Verachtung, gegen die Polen. (…)

Kreisau ist ein Ort, mit dem die Geschichte des Kreisauer Kreises, einer deutschen Widerstandsgruppe gegen die nationalsozialistischen Machthaber, verbunden ist. Die Gruppe entstand 1940 als ein Netzwerk um Helmut James von Moltke, den Gutsherrn von Kreisau in Niederschlesien. Sie brachte Vertreter verschiedener Milieus und weltanschaulicher Optionen zusammen, die sich mit der in Deutschland herrschenden Situation sowie dem Vorgehen deutscher Truppen in Europa nicht abfinden konnten und die sich somit entschlossen haben, sich gegen das Regime Adolf Hitlers auszusprechen.

Unter Einsatz ihres Lebens arbeiteten die Mitglieder des Kreises an Plänen zur Erneuerung eines demokratischen und auf christlichen Werten basierenden Deutschlands und Europas. Sie entwarfen auch Konzeptionen dafür, wie man Kriegsverbrecher bestrafen und die von NS-Deutschland überfallenen und besetzten Länder entschädigen könnte. Sie bauten auf Aussöhnung zwischen den Nationen Europas sowie darauf, dass diese eine solidarische Gemeinschaft gründen werden.

Die Aktivitäten des Kreisauer Kreises können nicht mit der aus Armeekreisen hervorgegangenen Verschwörergruppe mit Oberst Claus von Stauffenberg, dem Urheber des gescheiterten Attentats auf Hitler vom 20. Juli 1944, an der Spitze, in Verbindung gebracht werden. Stauffenbergs Ansichten mit Ansichten oder Konzeptionen des Kreisauer Kreises zusammenzubringen, ist ebenfalls unbegründet. Dies gilt auch für die Ansichten über Polen, dessen Wiederherstellung nach Meinung der Mitglieder des Kreises für den Wiederaufbau des Nachkriegseuropas unerlässlich war.

Dr. R. Żółtaniecki: (…) Als wir diesen Ort [Kreisau] wählten, erklärten wir uns stillschweigend mit dem deutschen Standpunkt einverstanden. Damals, als der Vertrag verhandelt wurde, schien es, dass wir Themen, die heikel sein können – Umsiedlungen oder historische Fragen – nicht aufgreifen werden, weil wir fälschlicherweise zu dem Schluss gekommen sind, dass die bösen Geister der Geschichte für immer abgezogen sind und dass es [fortan] nur noch immer besser werden kann. (…)

Die Initiative, eine feierliche Messe (die in die Geschichte als Versöhnungsmesse eingehen sollte) unter Teilnahme des deutschen Bundeskanzlers, Helmut Kohl, sowie des ersten nichtkommunistischen Ministerpräsidenten Polens, Tadeusz Mazowiecki, im niederschlesischen Kreisau zu halten, wurde von der polnischen Seite ergriffen.

Die Idee, die Messe an eben diesem Ort zu veranstalten, wurde der deutschen Seite vom Ministerpräsidenten Mazowiecki vorgestellt, der deren Vorschlag, die Feier im Sanktuarium auf dem St. Anna-Berg stattfinden zu lassen, abgelehnt hatte.

Die polnische Seite knüpfte mit ihrem Vorschlag, die Messe hier zu organisieren, bewusst an die Geschichte von Kreisau an – einem Ort, an dem sich der Kreisauer Kreis traf. Diese Lokalisierung wurde für günstig befunden, um ein neues Kapitel in den deutsch-polnischen Beziehungen aufzuschlagen, steht doch der Kreisauer Kreis für ein Deutschland, mit dem Polen gutnachbarschaftliche Beziehungen aufbauen möchte – ein demokratisches Deutschland, das den europäischen Werten treu bleibt, das polenfreundlich ist, das Nationalismus, nationalen Größenwahn sowie eine Politik der Expansion und der Vorherrschaft ablehnt.

Damit ist die These, die Wahl Kreisaus zu einem Ort symbolträchtiger Verständigung zwischen Polen und Deutschland fördere eine vermeintliche deutsche Geschichtsversion, falsch – es ist ein Irrtum.

Die Stiftung „Kreisau” für Europäische Verständigung unternimmt seit vielen Jahren zahlreiche Maßnahmen, um für gute, partnerschaftliche Beziehungen zwischen Polen und Deutschland sowie einen offenen Dialog über Themen, bei denen wir unterschiedlicher Meinung sein können, zu werben. In letzter Zeit veröffentlichten Mitarbeiter der Stiftung u.a. einen Artikel, in dem die Geschichte des Kreisauer Kreises – unter Berücksichtigung seiner Bedeutung aus polnischer Sicht – dargestellt wurde (https://www.tygodnikpowszechny.pl/partyzanci-bez-karabinow-149526), sowie einen weiteren über die Inkongruenz der polnischen und deutschen Erinnerung an das Hitler-Attentat von Oberst Claus Stauffenberg (http://laboratorium.wiez.pl/2017/07/20/rocznica-zamachu-na-hitlera-czyli-o-nieprzystawalnosci-pamieci/).

Vorstand der Stiftung „Kreisau” für Europäische Verständigung